Heute geht für mich eine sehr stressige, aber auch schöne Woche zu Ende, bzw. nach Israelischen Regeln geht die neue Woche jetzt schon los, aber egal.
Es ist hier so, dass immer, wenn eine neue Gruppe oder Familie zu uns nach Tabgha auf die Begegnungsstätte kommt, ein „Kontaktzivi“ bestimmt wird, der dann der Ansprechpartner dieser Gruppe ist und bei allen Problemen und Fragen angerufen werden kann. Zum ersten Mal seit ich hier bin, kam am Donnerstag eine richtig große Gruppe (39 Leute) auf die Begegnungsstätte. Die Gruppe kommt aus Jerusalem aus dem Hospice St. Vincent de Paul und besteht aus körperlich und geistig Behinderten und deren Betreuern, die aus allen Teilen der Welt kommen (teilweise auch Volontäre). Und für diese Gruppe wurde ich als Kontaktzivi auserkoren. Irgendwie wirkten die Betreuer ein wenig überfordert mit ihrer großen Gruppe, so dass schon bei der Ankunft Chaos herrschte.
Mein Handy klingelte dann am ersten Tag auch schätzungsweise 5000 mal und ich konnte nicht mal in Ruhe essen. Meistens musste ich denen nur kurz was zeigen oder neue Bettwäsche bringen. Der Höhepunkt war dann aber, als mich die Leiterin der Gruppe, die übrigens aus Kanada kommt, anrief und mir sagte, dass irgendwie drei Behinderte verloren gegangen sind und wir jetzt bitte eine große Suchaktion starten sollten. Nach ungefähr einer Dreiviertelstunde wurden dann alle auf irgendwelchen Feldern oder Plantagen in der Umgebung gefunden und zum Glück wohlbehalten zurückgebracht. Das hat mich schon ein wenig schockiert.
In Israel wird von staatlicher Seite nur sehr wenig für die Betreuung von Behinderten getan. Deshalb müssen die Einrichtungen für Behinderte mit sehr wenig Geld auskommen. Für geschultes Personal ist nicht genug Geld übrig und deshalb sind die Einrichtungen auch auf Volontäre angewiesen. Diese sind dann natürlich nicht so professionell und erfahren und so kann es schonmal passieren, dass alles ein bisschen chaotisch und behelfsmäßig ist. Das ist aber natürlich besser, als wenn gar nichts läuft, da es Behinderte vor allem in der arabischen Kultur nicht leicht haben. Sie sind in ihren Familien oft hilflos Gewalt ausgeliefert, da die Behinderung als Teufelswerk angesehen wird oder sowas.
Die Leute, die in solchen Einrichtungen für wenig oder gar kein Geld arbeiten, haben meinen größten Respekt, da man wirklich rund um die Uhr beschäftigt ist und die Arbeit auch sehr belastend ist. Im Vergleich zu den Volontären, die in solchen Einrichtungen arbeiten, ist meine Arbeit echt gechillt. Aber so gechillt ist sie dann auch wieder nicht.
Da ich auch dieses Wochenende nicht frei hatte (das nächste zum Glück wieder), musste ich auch dann in Bereitschaft bleiben und die Arbeit mit den Gruppen ist ja nicht die einzige. Zwischendurch schneid ich immer noch an ein paar Bäumen rum, flick ein paar Gartenschläuche oder düs mit dem Traktor durch die Gegend.
Alles in allem ist meine Arbeit sehr vielfältig und macht echt Spaß. Aber Freizeit muss auch sein. :) Diese habe ich in den letzten Tagen genutzt, um ein wundervolles Buch namens „Bonbon aus Wurst“ des Ausnahme-Autors Helge Schneider zu lesen. Es ist wirklich ein herausragendes Stück deutscher Literaturgeschichte und ich kann die Lektüre jedem wärmstens empfehlen.
Viele Grüße,
Johannes
